
Die politische Landschaft in Deutschland wandelt sich. Vor allem was politische Kommunikation und Berichterstattung betrifft ist manches unübersichtlicher geworden. Neben die professionellen Zeitungs- und Rundfunk-Redaktionen sind private Blogger getreten, die aus neuen, eher subjektiven Blickwinkeln über Politik berichten. Darauf reagieren die klassischen Medien, indem sie eigene Journalisten-Blogger abstellen, die zusätzlich zum Medienrauschen beitragen. Schließlich bemühen sich auch die Parteien um die Meinungshoheit und haben eigene elektronische Kanäle eröffnet, auf denen sie - an den klassischen Medien vorbei - ihre Botschaften aussenden. In diesem Dickicht fällt es schwer, den Überblick zu behalten, wer eigentlich wem was sagt und vor allem: wer auf wen hört.
Mit dem
Wahlradar liegt jetzt ein Dienst vor, der von sich behauptet, das erste Monitoring-Instrument zu sein, "mit dem sich das relevante deutsche Politik-Web abbilden und auf Trends, Informationsverbreitung und Entwicklungen hin individuell auswerten lässt." Hinter dem Wahlradar steckt die Agentur Publicis, die wiederum mit dem französischen rtgi-Gruppe zusammenarbeitet.
Der Wahlradar stellt die wichtigsten deutschen Internetseiten mit politischem Inhalt als soziales Netzwerk da. Aufgenommen wurden Seiten von Medien (Zeitungen, Fernsehsender), Institutionen (Behörden, Siftungen) und aus dem "Öffentlichen Diskurs" (Blogs) sowie Seiten aus dem Umfeld von Parteien.
Die Netzwerk-Karte liest sich wie folgt:
- Jeder Punkt im Netzwerk steht für eine Webseite. Je größer ein Punkt, desto mehr andere Webseiten aus dem Netzwerk verweisen auf sie, desto einflussreicher also die dahinterstehende Webseite.
- Je zentraler ein Punkt, desto größer seine Bedeutung als Knotenpunkt im Netzwerk, d.h. desto mehr eher schwach verlinkte Webseiten verweisen auf sie. Zentral stehende Punkte repräsentieren demnach Webseiten, die Themen setzen und Gespräche anstoßen.
- Weiterhin gilt: Miteinander verlinkte Punkte ziehen sich an, stehen also eng beieinander. Nicht miteinander verlinkte Punkte stoßen sich ab und sind dementsprechend weiter voneinander entfernt.
Die Position der Punkte auf der Karte hängt also allein von der Verlinkung ab, nicht von inhaltlichen Kriterien. Inhaltliche Aspekte spielen allenfalls bei der Farbgebung eine Rolle, die allerdings von den Machern der Seite vorgegeben wurde. So wurde "bund.de" als "grün" eingestuft, amnesty.de hingegen als "links" (=rot). Zwingend ist diese Kategorisierung nicht.
Gleichwohl ergeben sich schon auf den ersten Blick auf die Karte einige interessante Erkenntnisse:
- Die Parteien existieren im Internet doch weitgehend für sich. Die Seiten ihrer Gliederungen sind zwar untereinander verlinkt, haben aber kaum eingehende Links aus anderen Teilen des politischen Webs. Deshalb die farbige Clusterbildung an den Rändern der Karte.
- Die großen Medienhäuser mit ihren Webseiten (SpiegelOnline, Zeit.de etc.) dominieren nach wie vor das Geschehen. Sie bilden die größten Punkte im Zentrum des Netzes, setzen also die Themen und werden dementsprechend von den anderen verlinkt.
- Zahlreiche Blogs haben sich, was Größe und Zentralität betrifft, an die klassischen Medien herangearbeitet. So ist der Einflussgrad von spreeblick.com oder netzpolitik.de bereits höher als der von wdr.de.
Über diese nicht wahnsinnig überraschenden Einsichten hinaus bleibt fraglich, was eigentlich das Geheimnis eines solchen Tools ist. Wenn man ehrlich ist, gibt es kein Geheimnis.
Die Soziale Netzwerk-Analyse ist in erster Linie dazu da, soziale Beziehungen, die ja bereits bestehen und für die jeder Beteiligte und auch jeder aufmerksame Beobachter irgendwann ein Gespür bekommt, übersichtlich darzustellen. Das ist allerdings schon eine ganze Menge und kann sehr nützlich sein.
Wir bei vm-people haben für einige Projekte bereits Soziale Netzwerk-Analyse betrieben und durchaus gute Erfahrungen gemacht. Insbesondere bei der Suche nach einflussreichen Schlüsselspielern im kommunikativen Prozess, den sog. Influentials, hat die Methode Ahnungen bestätigt und neue Einsichten gebracht. Influentials können dabei entweder Personen oder Gruppen sein, die selbst stark vernetzt sind oder die eine Brückenfunktion wahrnehmen und einzelne Subnetzwerke miteinander verbinden. Ein Beispiel für letzteres ist die
Konrad-Adenauer-Stiftung (www.kas.de), die auf dem Wahlradar zwischen dem blauen CDU-nahen Subnetzwerk und dem Zentrum steht und so die Partei mit dem Rest des Netzwerks, der "Mitte der Gesellschaft" verbindet. Auch das überrascht wenig - schließlich ist diese Mittlerfunktion die klassische Aufgabe einer Parteistiftung. Aber es ist doch interessant zu sehen, dass die KAS diese Aufgabe offensichtlich erfüllt.
Nun scheint das Sichtbarmachen von Beziehungen für die Macher des Wahlradars allerdings noch nicht auszureichen. Die Homepage jedenfalls verspricht zusätzlich "die Identifizierung von Kandidaten und Themen" sowie "Analysen zu Meinungstrends", und zwar "auf Anfrage", was wohl "nur gegen Bezahlung" heißen soll. Anscheinend wird in solchen Fällen das politische Web nach Stichwörtern durchsucht und die Nennung des jeweiligen Stichworts ausgezählt. Beispiele sind
hier zu sehen. Auch diese Ergebnisse sind für sich genommen wenig spektakulär, etwa wenn abzulesen ist, dass Angela Merkel im Social Web häufiger erwähnt wird als Frank-Walter Steinmeier. Das durfte man erwarten. Problematisch wird die Sache aber dann, wenn aus einer bloßen Auszählung von Begriffen weitergehende Rückschlüsse gezogen werden.
In diese Falle ist kürzlich die FDP getappt. In einer
Pressemeldung kurz nach der Europawahl verkündete Wahlradar, dass die FDP-Spitzenkandidatin Sylvana Koch-Mehrin während des Wahlkampfes "die mit Abstand höchste Medienpräsenz im Political Web" gehabt habe. Die FDP nahm die Vorlage auf und brüstete sich:
"Koch-Mehrin auch im Internet die Gewinnerin".Schaut man genauer hin, so erscheint diese Interpretation mehr als gewagt. In den Online-Medien (Newsportalen wie Blogs) kursierte kurz vor der Wahl im Grunde nur eine einzige
Geschichte über Koch-Mehrin, in der sie nicht gerade gut weg kam. So soll die Europaabgeordnete in Straßburg in erster Linie durch Abwesenheit geglänzt haben und über diese Tatsache sogar noch eine Falschaussage gemacht haben. Ob sie sich angesichts dieser Berichterstattung als "Gewinnerin" fühlte, darf bezweifelt werden.