Nur noch wenige Tage bis zur
Bundestagswahl. Langsam wird es Zeit, sich ernsthaft Gedanken zu
machen, wen man wählt. Nun war es - dem Internet sei Dank - ja
niemals leichter, sich umfassend darüber zu informieren, was die einzelnen
Parteien und Kandidaten uns in den nächsten vier Jahren Gutes tun
wollen. Zugleich führt die schiere Fülle an Information bei manchem
Wähler jedoch eher zur Verwirrung.
Da ist es lobenswert, dass einige
Web-Anbieter es unternommen haben, uns die Wahlentscheidung zu
erleichtern. Verschiedene Internetangebote reduzieren die
Informationen auf wesentliche Punkte und machen Parteiprogramme so
vergleichbar. Doch weiß der Wähler am Ende wirklich, was zu tun ist?
"Wahlomat"
Am bekanntesten ist wohl der Wahlomat, der es Internetusern bereits seit 2002 ermöglicht, die eigenen Ansichten mit denen der kandidierenden Parteien abzugleichen. Dabei kann man sogar einzelne Themenfelder nach persönlicher Präferenz gewichten.
"Wen wählen"
Die Seite „Wen wählen“ konzentriert sich auf die Direktkandidaten der Parteien in den 299 Wahlkreisen. Hierzu wurde allen Kandidaten ein Katalog mit 56 Thesen zur Beantwortung überlassen. Das ist deshalb aufschlussreich, weil die Wahlkreiskandidaten oft viel unbekannter sind als die Positionen der Parteien. Zwar haben einige Bewerber einfach Auszüge aus den Parteiprogrammen per Copy&Paste eingefügt. Einige der inzwischen über 1000 Kandidatenprofile sind aber sehr sorgfältig ausgearbeitet und damit durchaus interessant.
Gesis Wahlportal
Das Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften hat mit dem Gesis Wahlportal ein Angebot geschaffen, das wissenschaftliche Fachinformationen zur Wahl anbietet. So kann man hier zum Beispiel die Wahlprogramme der Parteien bezüglich unterschiedlicher Politikfelder nebeneinander stellen und vergleichen. Das ist unübersichtlicher, dafür aber detaillierter als beim Wahl-o-maten.
Was die Nutzerzahlen betrifft, liegt der Wahl-o-mat mit fast 5 Millionen Teilnehmern weit an der Spitze. Das liegt auch daran, dass dieses Web-Werkzeug gerade von den klassischen Medien regelmäßig erwähnt wird, wenn es um die „Wahl im Netz“ geht. Allerdings scheint die von der Bundeszentrale für Politische Bildung betriebene Webseite ihre unangefochtene Stellung gerade einzubüßen. Aus dem Netz regt sich nämlich an verschiedenen Stellen Kritik. Zum einen werden die Formulierungen der Fragen gerügt, die in sich teilweise schon eine politische Tendenz trügen und den Befragten subtil beeinflussten. Zum anderen wird die starke Verknappung der möglichen Positionen bemängelt. Die Parteien müssen zu den Wahl-O-Mat-Thesen selbst Stellung beziehen und festlegen, ob sie unter "stimme zu", "stimme nicht zu" oder "neutral" eingeordnet werden. Das sei zu undifferenziert, da z.B. bei „neutraler“ Haltung nicht klar werde, ob dahinter eine differenziert begründetes Urteil stehe. Gerade Positionen des rechten Randes würden dadurch bevorzugt. Denn die NPD z.B. habe häufig keine Begründung zu ihren Positionen abgegeben. Viele Nutzer seien erstaunt, wenn bei der Auswertung ihrer Antworten eine Nähe zu den Rechtsradikalen festzustellen sei. Auch von Politikerseite wird das gesamte Projekt inzwischen in Frage gestellt: "Es ist problematisch, dass die Bundeszentrale den Eindruck erweckt, dass man so zu einer Wahlentscheidung kommen kann", so der CDU-Abgeordnete Ole Schröder.
So steht der Nutzer nach Durchklicken aller Wahlportale doch wieder vor der Frage, was nun zu tun ist. Welcher Grad an Komplexitätreduktion ist notwendig, welcher zulässig ist, um die eigene Wahlentscheidung zu treffen? Aus diesem Dilemma hilft womöglich nur die Einsicht, dass selbst derjenige, der aus voller Überzeugung für „seine“ Partei stimmt, nicht wissen kann, welche Regierung er eigentlich bekommt. (Im Ausland betrachtet man das übrigens mit Argwohn und spricht von Deutschland als einer „failed democracy“).
Doch auch dieser Verwirrung kann abgeholfen werden: Die ZEIT hat dankenswerterweise eine Art „Koal-o-mat“ entwickelt, der detaillierte Hinweise geben soll, was zu wählen ist, wenn man sich eine bestimmte Koalition wünscht. Wer diese Grafik versteht, ist allerdings wohl ohnehin zu Höherem berufen und sollte sich überlegen, ob er selbst in die Politik geht. Leute mit Durchblick können dort womöglich wirklich was verändern.